Der frustrierte Zöllner von King Lynn

von Peter Nauschütt

Sommer 1974. Wir lagen mit der „ALSTER“ in Kings Lynn, einem kleinen Hafen an der Wash, an der Ostküste Englands. Der Hafen wurde regelmäßig von Schiffen der Washbay-Line angelaufen. Das Verhältnis zwischen den Besatzungen, den Hafenarbeitern, den Behörden, und der Bevölkerung war sehr vertraut, man war gerne gesehen. Es war Sonntag und im Hafen herrschte allgemeine Ruhe, es wurde nicht gearbeitet und wir dösten vor uns hin. Gegen Mittag lief die „HENRY STAHL“, ein Kompanie-Schiff, ein. Unser Kapitän, Rudi Zahn, ein gemütlicher und friedfertiger Mensch, meinte, wir sollten doch mal rüber gehen, und die Kollegen begrüssen. Gesagt, getan, wir liefen zu dritt, Kapt. Zahn, Steuermann Ede Dreistatt und ich, die paar Schritte zur Ro-Ro-Pier rüber. Auf der „HENRY STAHL“ war Party beim Käpitän Löwert. Löwert, sein Steuermann Suhr, der Chief Kalli Schulte, ein paar weibliche

MS „ALSTER“ in Kings Lynn 1974

Passagiere und zwei Zöllner hatten ordentlich Fahrt drauf. Wir wurden eingeladen und ließen uns nicht lange bitten. Ab und zu mussten die Zöllner das Siegel vom Zollschrank, der sich in der Kapitänskammer befand, brechen und Nachschub freigeben. Die See ging hoch. Nach einiger Zeit merkten wir, dass wir den herausgefahrenen Vorsprung nicht einholen konnten. Wir verabschiedeten wir uns  und machten uns auf den Heimweg. Der Chief der „Henry Stahl“ begleitete uns zur „Alster“, er wollte sich ein wenig die Beine vertreten. Unterwegs erzählte er uns, dass einer der beiden Zöllner, Jimmy, ziemlich sauer auf seine vorgesetzte Behörde war, weil er vom gemütlichen Kings Lynn in das hektische Felixstowe versetzt worden sei. Heute war sein letzter Tag in Kings Lynn. Deswegen war die Feier an Bord der „HENRY STAHL“ so eine Art Abschiedsfeier für ihn. Wir hatten Verständnis für seine miese Stimmung. Jimmy war ein alter Bekannter, und man kam im allgemeinen gut miteinander aus. Auf der „Alster“ angekommen setzten wir uns in meine Kammer und tranken noch ein letztes Bier miteinander. Auf einem Mal polterte es auf der Gangway und ein ziemlich angedüster Jimmy stand im Schott. Wir luden ihn zu einem Bier ein, er lehnte aber ab. Statt dessen verlangte er von Kapitän Zahn den Proviantraum zu sehen. Kapitän Zahn befürchtete Ärger, auf Grund der Stimmungslage des Zöllners, und versuchte ihn zu beschwichtigen, er solle sich doch setzen, und erst mal in Ruhe ein Bier trinken. Der liess sich nicht erweichen und forderte den Kapitän, nun doch recht energisch, auf, ihm den Proviantraum zu zeigen. Nichts Gutes ahnend, ergab sich unser Kapitän in sein Schicksal und machte sich mit Jimmy auf den Weg. Der Proviantraum war auf dem gleichen Deck wie meine Kammer, im hinteren Teil der Aufbauten, gegenüber der Kombüse. Wir blieben betreten zurück und harrten der Dinge, die da kommen würden. Die Stimmung war plötzlich auf dem Nullpunkt. Nach einer viertel Stunde kamen die beiden zurück, Zahn erschien irgendwie erleichtert und Jimmy nahm das zuvor abgelehnte Bier an, setzte sich zu uns, und plauschte als sei nichts gewesen. Wir trauten uns nicht zu fragen, die Stimmung war irgendwie gespannt. Nach einer Weile verabschiedete Jimmy sich von uns, er wollte zurück zu seiner Abschiedsparty auf die „HENRY STAHL“. Kaum war Jimmy außer Sicht,  als wir auch schon unseren Kapitän, der verschmitzt lächelnd da sass, mit Fragen bestürmten: „Wieso wollte er den Proviantraum sehen? Was war los? Warum lachst du so komisch?“ „Ihr werdet es mir nicht glauben“, meinte der Alte, „er ist rein,  geht zum Bullauge und reißt mit einem Ruck die Verkleidung raus, zeigt auf den Hohlraum hinter der Verschalung und meint: „Hier ist ein prima Versteck zum Schmuggeln, Kaptein, das kennen die anderen Kollegen noch nicht“!

Die Rache des kleinen Mannes.

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