Der Beinahe-Ramming der „LUCIE“

 Von Peter Nauschütt

MS Lucie Schulte Lotsenwechsel

Die „LUCIE SCHULTE“ beim Lotsenwechsel auf der Weser

Sommer 1973. Die „LUCIE“ hatte in Immingham, an der Englischen Ostküste, ca. 17000 to Kraftwerkskohle für das Kraftwerk „Hafen“ in Bremen geladen, und war gegen 22 Uhr ausgelaufen. Es war schon dunkel. Spurn Head-Lighthouse war passiert. Der Lotse war von Bord, wir hatten „Anfang der Seereise“. Die Maschine lief mit VV. Der Käpitän Arnold Buss hatte die Brücke verlassen, um sich zur Ruhe zu begeben. Der 2.Offizier Heiko Geerdes hatte Wache. Als Wachmatrose war Lübbo Kruse, ein waschechter Ostfriese aus Aurich, eingeteilt. Auf der Brücke war inzwischen, nachdem sich die übliche „Auslaufunruhe“ gelegt hatte , Ruhe eingekehrt. Heiko, der Koch Ingo Ockenga und ich plauschten ein wenig in den Abend hinein. Lübbo war nach unten geschickt worden, schmutziges Geschirr runterbringen und neuen Kaffee machen.
Von Backbord kam aus einiger Entfernung ein Mitläufer auf, der um etliches schneller als die „LUCIE“ war. Heiko nahm eine Peilung und behielt den Mitläufer mit den Worten: „Wööln em kieken, wat he wall makt“, im Auge. Er kam stetig näher, was Heiko zu der Bemerkung veranlasste: „Utwieken musst du, neit ik“, womit die Fronten geklärt waren. Der Mitläufer kam näher, die Peilung stand. Bei einem Abstand von 2-3 Kabellängen kam langsam ein wenig Nervösität auf unserer Brücke auf, weil sich auf dem Mitläufer auch nichts rührte, der hatte uns anscheinend noch gar nicht bemerkt. Heiko sprach das „unknown vessel on our port-site“ über UKW an, aber es rührte sich nichts. Der Abstand zwischen beiden Schiffen wurde immer geringer.
Heiko griff zur Morselampe und morste den – jetzt schon als Kollisonsgegner zu bezeichnenden – Mitläufer an, es tat sich nichts. Er war inzwischen so nah gekommen, dass man mit dem Fernglas deutlich die hellerleuchtete und unbesetzte (!) Brücke erkennen konnte. Ein Geisterschiff ? Der Abstand hatte sich inzwischen so gefährlich verringert – die Peilung stand immer noch – dass Heiko auf sein vollmundig angesprochenes Wegerecht verzichtete und ein „Manöver des letzen Augenblicks“, also hart Steuerbord, einleitete. Dazu wollte er das auf „Automatic“ liegende Ruder umschalten auf „Hand“, und dann von Hand Ruder legen. Das Umschalten war kein Problem, aber Ruder legen ging nicht. Das Steuerrad liess sich nicht bewegen. Heiko rief uns zur Hilfe. Es war wertvolle Zeit vergangen und der „Gegner“ war schon wieder ein Stück näher gekommen. Der Abstand betrug jetzt weniger als eine Kabellänge. Warum liess sich dieses Scheiss-Rad nicht bewegen? Schnell fanden wir die Erklärung: Lübbo hatte zu „Anfang der Seereise“ die Selbststeueranlage auf „Automatic“ gelegt und eine Stellschraube, die zum Fixieren des Steuerrades in Mittschiffslage diente, mit Bärenkräften angedreht.  Die liess sich nur mit vereinten Kräften wieder lösen. Das war schließlich geschafft. Das Ruder wurde „hart Steuerbord“ gelegt und die „LUCIE“ reagierte auch prompt. Die Kollision war im wirklich letzten Moment vermieden worden. Uns stand der Angstschweiß auf der Stirn. Die „LUCIE“ hatte sich infolge des „hart-Ruder-Manövers“ bei voller Fahrt ein wenig auf die Seite gelegt. Die Maschine war in die Knie gegangen, sie ächzte und stöhnte. Das hatte für einige Aufregung gesorgt. Lübbo kam auf die Brücke gestürzt. Er wurde sofort ans Ruder beordert. Heiko beobachtete den „Gegner“, der seinen Kurs unbeirrt beibehielt, und die übrigen ein- und auslaufenden Schiffe. Es war einiges los auf der Humber an diesem Abend.
Plötzlich tauchte auch Kapitän Buss, im Nachtgewand, auf der Brücke auf: „Heiko, wat is los“? Schnell war die Situation erklärt, was Käpitän Buss zu einer Äußerung veranlasste, die uns alle vom Hocker haute: „Harst ja man wiederfahren kunnt, Heiko, du harst ja Vöörfahrt. Wullt löben of neit, so wat heb ik ok mal beleeft, mit Johann, int Ostsee. Keem n`Kümo, und het mi doch tatsächlich rammt.“ Sprachs und liess den total perplexen Heiko auf der Brücke zurück. Lübbo erhielt die Order, diese Schraube nie wieder anzufassen.
Mein Bruder, dem ich später diese Geschichte erzählte, hat sie mir bestätigt. Er war zu diesem Zeitpunkt auf dem „Dampf-JOHANN“ an Bord, sie waren in der Erzfahrt Norwegen/Schweden – Emden/Amsterdam/Rotterdam Antwerpen eingesetzt.

Das Museum ist auf Grund

der CORONA Pandemie

zurzeit geschlossen

X

Impressum & Datenschutz